Ross Beiaard und Karl der Große

Fotos: © Ünal Bilir

Es ist wieder so weit. Nach zwölf Jahren lässt das sagenhafte Ross Beiaard auf dem Großen Markt von Dendermonde seine Magie endlich Revue passieren und das Herz des Publikums höherschlagen. 86.000 Menschen haben sich an diesem regnerischen Maisonntag gesammelt, um das schwarze Pferd und seine vier jungen Ritter zu bestaunen. Eigentlich sollte dieses Volksfest, dessen Historie bis auf das 12. Jahrhundert zurückgeht, schon am 24. Mai 2020 stattfinden. Aber das böse Coronavirus ließ das tapfere Pferd noch zwei Jahre in den Tiefen des Flusses Dender versunken bleiben und seine Bewunderer warten.

Het Ros Beiaard, wie es im Flämischen heißt, ist eines der bekanntesten Volksfeste Belgiens und das Wahrzeichen der historischen Stadt Dendermonde. Zusammen mit drei Gildenriesen Indian, Mars und Goliath gehört Het Ros Beiaard seit 2005 zum belgisch-französischen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes von UNESCO und seit 2008 steht mit all seinen Unterteilen repräsentativ auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Dass dieses Volksfest über die Grenzen hinaus bekannt ist und eine ganze Stadt mitfiebern lässt, hat mit der Legende vom Ross Beiaard und den Vier Aymonskindern (Haimonskinder) zu tun. Obwohl der beliebten Volkserzählung im Laufe der Zeit verschiedene Episoden hinzugefügt wurden, basiert die gegenwärtige Variante eher auf den mittelalterlich-fränkischen Ritterroman über die Vier Aymonskinder (Les quatre fils Aymon), dessen Protagonist Renaud de Monteban (Reinout van Montalbaen) ist.

Worum geht es eigentlich in dieser Sage, die sich nach und nach über weite Teile Europas verbreitete und eine Inspirationsquelle für Lieder, Erzählungen, Literaten, Dichter, Maler und vor allem für die fabelhaften Festzüge wurde? Was war dieses Heldenross, das Karl dem Großen zum Verhängnis wurde und beginnend mit dem 15. Jahrhundert eine „universelle Bekanntheit“ erlangte? Diese glorifizierende Heldengeschichte handelt von einem tragischen Streit unter den Feudalherren, genau gesagt, von einem langen Kampf zwischen Aymon von Dordogne und Karl dem Großen.

Aymon (Heems), der Feudalherr von Dendermonde, geriet laut dieser Erzählung in Streit mit seinem fränkischen König, nämlich Karl dem Großen. Der Streit wurde irgendwann beigelegt und Aymon heiratete die Schwester des Kaisers. Aus dieser Ehe wurden vier Jungen geboren: Richard (Ritsaert), Guichard (Writsaert),  Alard (Adelaert) und Renaud (Reinout). Weil der jüngste Sohn Renaud so stark war, dass er sein Reitpferd versehentlich tötete, brachte Aymon seinen Sohn zum wilden und eingeschlossenen Ross Beiaard (Bayard), das furchterregend aussah und sich von niemandem bändigen ließ. Nach einem heftigen Kampf gehorchte das Ross jedoch Renaud und ließ sich durch ihn reiten. So weit ist alles gut.

Aber als Renaud den Ludwig, Sohn vom Karl dem Großen, infolge einer Streiterei während eines Schachspiels im Kaiserhof tötete, änderte sich alles schlagartig. Renaud und seine Brüder entkamen aus dem Hof, bevor der Kaiser sie in Gewahrsam nehmen konnte. Die epische Flucht gelang der Gebrüder, weil sie alle vier auf dem Rücken vom Ross Beiaard reiten konnten. Aber Karl der Große ließ sie weiterverfolgen, weil er Rache nehmen wollte. So entwickelte sich diese Familientragödie zu einem jahrelangen und kriegerischen Konflikt. Die Vier Aymonskinder konnten sich erfolgreich gegen das Heer des Kaisers zur Wehr setzen, weil sie sich auf die legendäre Hilfe vom Ross Beiaard stützen konnten. Nachdem ihr Vater Aymon in die Hände des Kaisers gefallen war, machte Karl der Große den Gebrüdern einen ultimativen Vorschlag: „Freilassung ihres Vaters in Tausch für das unschlagbare Ross Beiaard“. Infolge der flehentlichen Bitten seiner Mutter stimmte Renaud endlich dem Vorschlag zu und lieferte das Ross Beiaard aus.

Um das Heldenross zu ertränken, fesselten die Männer des Kaisers das starke Ross Beiaard mit schweren Mühlensteinen und warfen das Pferd schließlich ins Wasser, wo die Dender in die Schelde mündet. Drei Mal rettete sich das Ross von den Steinen und schwamm zum Flussufer zurück, wo Renaud stand. Aber Renaud wollte das unerträgliche Leiden seines Pferdes nicht mehr sehen. Deshalb hatte er seinen Kopf gedreht. Erst, als das Ross begriff, dass Renaud von ihm abwandte, ließ sich das arme Pferd dann im Fluss versinken. Laut der Erzählung wurde das Ross Beiaard zwar auf dieser Weise ertränkt aber starb nicht. Weil das Heldenross weiterlebt und in bestimmten Momenten aus den Tiefen des Flusses herausragt, organisiert die Stadt Dendermonde zehnjährlich einen traditionsreichen Festzug, an dem „das Ross Beiaard mit den Vier Aymonskindern auf dem Rücken seinen Siegeszug durch die Straßen von Dendermonde macht“.

Obwohl das Ross Beiaard auch an anderen Stellen in Euroa bekannt ist, gilt das heute als einzigartiges Symbol von Dendermonde in Belgien, worauf die Einwohner und die Stadtverwaltung sehr „stolz“ sind. Aus diesem Grund gibt die „Ros Beiaardstadt“ große Mühe diese Tradition lebendig zu halten und die seltenen Festzüge so weit wie möglich als ein „Spektakel“ zu organisieren.

Im Zentrum der Feierlichkeiten steht selbstverständlich das Ross Beiaard, das beim Umzug von „zwölf kräftigen Männern“ getragen wird. Das Herzstück dieses 4,85 Meter hohen, 5,20 Meter langen und 2 Meter breiten Pferdes ist jedoch sein Kopf. Dieses holzgeschnitzte Kunstwerk, das wahrscheinlich aus dem Jahr 1600 stammt, misst 130 x 50 cm. Nicht nur das Ross Beiaard selbst ist eine große Legende, sondern auch sein Holzkopf ist umgeben von zahlreichen Volksgeschichten. Der Überlieferung nach soll zum Beispiel der gegenwärtige Kopf das Meisterwerk von Lieven Van de Velde sein. Der volkstümlichen Geschichte zufolge fand der damalige Stadtrichter den Kopf vom Ross Beiaard „total mulmig“. In der ganzen Stadt gab es jedoch „nur einen einzigen Künstler, der fähig wäre einen neuen Kopf zu meißeln“: Lieven Van de Velde, der wegen Diebstahl im Gefängnis saß. Deshalb machte der Stadtrichter Van de Velde das folgende Zugeständnis: „Seine Leiche würde nach der Hinrichtung nicht am Galgen ausgestellt, sondern in geweihter Erde begraben“. Der Künstler stimmte dem Vorschlag jedoch nicht zu und verlangte mehr: Seine Freilassung gegen das Meißeln von einem neuen Kopf für Ross Beiaard. Da der wichtige Festzug gerettet werden sollte, wurde ihm notgedrungen die Freilassung gewährt. So hat Lieven Van de Velde diesen Kopf vom Ross Beiaard geschnitzt, welcher heute mit Straußfedern in rot und weiß (Farben der Stadt) geschmückt ist.

Während das 800 kg schwere Ross Beiaard von „zwölf kräftigen Männern“ langsam und mit „spezifischen Trittfrequenzen“ durch die 4,8 km langen Strecke getragen wird, sitzen auf dem Rücken des Pferdes die „Vier Aymonskinder (Haimonskinder)“. Diese Gebrüder wurden zum ersten Mal im Umzug von Dendermonde aus dem Jahr 1460 als „Aymonskinder“ erwähnt und werden heute nach einem strengen Kriterium rekrutiert. Die Auserwählung der „Vier Haimonskinder“ entspricht bestimmten Bedingungen und die Bewerber sollen in abnehmender Wichtigkeit die folgenden Bedingungen erfüllen: „Die vier Gebrüder sollen einander im Alter folgen, also keine Unterbrechung durch die Geburt eines Mädchens, und müssen am Tag der Prozession mindestens 7 Jahre und höchstens 21 Jahre alt sein. Sie müssen in Dendermonde geboren sein und ununterbrochen in der Stadt gelebt haben. Auch Ihre Eltern sollten in Dendermonde geboren sein und ununterbrochen in Dendermonde gelebt haben“. Trotzt dieses strengen Kriteriums hatten in der Nachkriegszeit die Söhne der sechs Familien bisher die Ehre, in ihrer Rüstung das Ross Beiaard zu reiten und das Publikum zu begrüßen.  

Quellen: Stad Dendermonde, Wikipedia.

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