In den verwinkelten Gassen Sarajevos, wo der Duft frisch gemahlenen Kaffees in der Luft liegt, sitzt ein älterer Bosniake in einem kleinen, traditionsreichen Kaffeehaus. Vor ihm steht ein Fildžan – eine zierliche, henkellose Tasse –, aus der er genüsslich seinen dunklen, kräftigen Kaffee nippt. Mit einem stillen Lächeln auf den Lippen beginnt er, sich mit einem Gast über alte Zeiten zu unterhalten.
„Bir kahvenin kırk yıl hatırı vardır“, murmelt er leise – ein türkisches Sprichwort, das auch in Bosnien seit Jahrhunderten tief verankert ist. Dieses Sprichwort, dessen Wurzeln in der osmanischen Vergangenheit liegen, bedeutet sinnbildlich, dass eine Tasse Kaffee eine vierzigjährige Freundschaft begründen kann.
Ein geteiltes kulturelles Erbe
Während der osmanischen Herrschaft, die sowohl Bosnien als auch die heutige Türkei prägte, entwickelte sich eine reiche Kaffee- und Gastfreundschaftskultur. Kulturelle Elemente wie Bräuche, Redensarten und Rituale wurden zwischen den Völkern ausgetauscht – so fand auch das türkische Sprichwort seinen Weg in den bosnischen Alltag. Für den alten Bosniaken steht es nicht nur für die Wertschätzung einer freundlichen Geste, sondern symbolisiert auch die tiefe Verbundenheit, die beide Kulturen seit Jahrhunderten miteinander teilen.
Der Fildžan als Symbol der Tradition
Im 15. Jahrhundert brachten die Osmanen den Kaffee in ihr Reich, und mit ihm entstand der Fildžan – eine Tasse ohne Henkel, die man mit den Fingern hält und langsam genießt. Anders als die europäischen Tassen, spiegelt seine schlichte, fast halbmondförmige Silhouette ein bedeutendes Symbol wider: den Halbmond, der nicht nur als Zeichen des osmanischen Reiches und des Islam gilt, sondern auch als stiller Zeuge einer Kultur, die sich über Generationen bewahrt hat.
Kaffee als Ritual und Brücke zwischen den Kulturen
In Bosnien und Herzegowina ist Kaffee mehr als ein Getränk – er ist ein Ritual. Traditionell wird er in einer Džezva, einem kleinen Kupferkännchen, zubereitet und mit Bedacht in den Fildžan gegossen. Ein guter Gastgeber bietet seinen Gästen stets als Erstes einen Schluck an, denn es heißt:
„Kava se pije rahatlukom“ – „Kaffee trinkt man in Ruhe.“
So werden unterschiedliche Kaffeemomente zelebriert:
Sabah kahvesi – der erste Kaffee des Tages, der den Morgen begrüßt.
Razgovor kafa – der Kaffee, der zu langen und herzlichen Gesprächen einlädt.
Doček kafa – der Begrüßungskaffee, der Gästen Wärme und Gastfreundschaft vermittelt.
Der alte Bosniake weiß: In jedem dieser Momente lebt nicht nur der Geschmack des Kaffees, sondern auch die Erinnerung an ein geteiltes kulturelles Erbe – ein Erbe, das die Grenzen überwindet und Menschen miteinander verbindet.
Heute: Tradition als Brücke in der modernen Welt
Obwohl moderne Tassen mit Henkel heute allgegenwärtig sind, bleibt der Fildžan ein Symbol für Identität, Tradition und Freundschaft. In den Cafés Sarajevos, in den kleinen Teestuben Istanbuls und in unzähligen Familien in Bosnien und der Türkei wird er noch immer verwendet – als lebendiges Zeugnis einer gemeinsamen Geschichte und als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Denn eine Tasse Kaffee ist niemals nur eine Tasse Kaffee. Sie ist eine Einladung, ein Moment der Verbundenheit – und vielleicht der Beginn einer Freundschaft, die vierzig Jahre oder länger währt.